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Frans Masereel Centrum, Kasterlee, Belgien, List Architekten, Hideyuki Nakayama, Dachstruktur, Dach

Reziproker Rahmen: Frans Masereel Centrum in Kasterlee

Das Frans Masereel Centrum ist dem gleichnamigen, für seine Holzschnitte bekannten Künstler (1876-1972) gewidmet. Das 1972 eröffnete Zentrum besteht aus einem eiförmigen Kernbau, der in tortenstückartige Segmente aufgeteilt ist. Um diesen herum gruppieren sich zeltartige Kleinwohnhäuser, die alle acht Wochen von ausgewählten Künstlern neu bezogen werden.

Das Ensemble wurde jetzt nach Süden hin um einen kegelförmigen Neubau erweitert, der von oben ansatzweise wie ein fünfzackiger Stern erscheint. Der Grundriss ist hochvariabel angelegt: Die Aussparungen und Raumgrundrisse unterhalb des Kegeldachs folgen allein den aktuellen Nutzerbedürfnissen und keinen statischen Erfordernissen. Es gibt keine zwingend erforderlichen radialen oder tangentialen Trenn- oder Außenwände. Sollte bei künftigen Nutzungen der Wunsch danach aufkommen, können bestehende Wände umgesetzt und sogar fehlende Keilsegmente im Dach ergänzt werden. Entworfen wurde die flexible Kegelarchitektur vom Pariser Büro List in Kooperation mit Hideyuki Nakayama aus Tokyo im Rahmen eines internationalen Architekturwettbewerbes, den diese 2013 gewannen. Die Paris-Brüsseler Niederlassung von Bollinger + Grohmann arbeitete diesen Entwurf auf Basis einer ganzheitlichen Idee aus: Es sollte mit möglichst kleinen Bauteilen operiert werden. So hätten diese allein mit reiner Menschenkraft, vorzugsweise von nur einem allein, getragen, bewegt und auch montiert werden können. Schlussendlich kam aber doch ein Baukran zum Einsatz.

4-nexorade Struktur
Der nominelle, infolge der Flächenaussparungen nur an wenigen Punkten nachzumessende Durchmesser des Dachtragwerks beträgt 29,6 m. Dieses basiert auf einer redundanten, entfernt rautenförmigen Grundstruktur, die die Tragwerksplaner als reziproken Rahmen bezeichnen. Reziprok, weil immer ein aufrechtes Grundelement auf ein gleichartiges, »auf-dem-Kopf-stehendes« trifft. So entsteht ein regelmäßiges Muster, das an einen Weidenkorb erinnert. Ein Modul besteht aus vier massiven Kanthölzern mit einem Querschnitt von 80 x 230 mm, deren Länge zwischen 2,50 m und 4,15 m variiert. Es wurden grundsätzlich keine Leimholzbinder verwendet, da es galt, eine natürliche Konstruktion zu schaffen, die sich an der Fachwerkbautradition Flanderns orientiert. Kleinteilige Dimensionen wurden gewählt, damit alle Bauteile allein mit Menschenkraft bewegbar waren.

Die Kanthölzer stoßen mit ihren Stirnseiten in einem zum Kegelrand hin zunehmend spitzer werdenden Winkel aneinander und treffen mit ihrem äußeren Ende in einem ebenso spitzen Winkel auf die Kantholzflanken der benachbarten Rauten. An diese werden sie kraftschlüssig angeschlossen. Die Verbindungen erfolgen über Holzzapfen oder über stirnseitig eingeschraubte Schrauben, jedoch nie über sichtbare Stahllaschen.

In der Untersicht ergibt dies ein dynamisches Kantholznetz, dessen Rauten sich von der Kegelspitze zu den Rändern hin von hinreichend senkrecht zu extrem flach verändern. Über die sphärische Krümmung der Dachfläche wird eine nexorade, schalenartige, sich selbst aussteifende Struktur erreicht, die ohne Haupt- und Nebenträger auskommt. Für den Bau waren zahlreiche Hilfsstützen erforderlich, das Dach war jedoch nach Erstellung aller Holzverbindungen schon in Teilbereichen voll tragfähig.

 

Weitere Informationen:

Bauunternehmen: Vanhout.pro, Turnhout
Zimmerei: Timberframing, Arquennes (Seneffe)
Dacharbeiten: Hüs Dakbouw Bvba, Arendonk

FÜR TRAGWERKSPLANER, BAUINGENIEURE & INTERESSIERTE ARCHITEKTEN

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