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Vista Tower, Chicago, Studio Gang, Magnusson Klemencic, Wohnhochhaus, Wolkenkratzer, Lakeshore East, Nick Ulivieri Photography

Schlankheitsideal: Vista Tower von Studio Gang in Chicago

Schon seit einigen Jahren ist in den Metropolen Nordamerikas eine Trendwende zu beobachten: Während der Bau hoher Bürogebäude eher stagniert, bereichern zunehmend hochpreisige, oft außergewöhnlich gestaltete Wohnhochhäuser die Skylines der Städte. Jüngstes Beispiel ist der 95-geschossige Vista Tower von Studio Gang in Chicago, der mit rund 350 Metern das dritthöchste Gebäude der Stadt ist und das höchste, das überwiegend dem Wohnen dient. Er bildet den krönenden Abschluss des neuen Stadtquartiers Lakeshore East zwischen dem alten Geschäftszentrum Chicagos, dem Loop, und dem Ufer des Michigansees. Dort sind seit der Jahrtausendwende vor allem Wohngebäude der Luxusklasse entstanden. Die Nutzungen im Vista Tower entsprechen dem Charakter des Quartiers mit dem Fünfsternehotel Wanda Vista in den unteren elf Geschossen sowie rund 400 Wohnungen und Penthouses in den oberen Etagen.

Die charakteristische Form des Vista Tower setzt sich aus einheitlichen Grundmodulen in Form zwölfgeschossiger Pyramidenstümpfe zusammen. Oberhalb der elfgeschossigen, etwas breiteren Sockelzone mit dem Hotel umfasst der höchste Turm sieben, der zweithöchste fünf und der dritthöchste drei dieser Module. Sie sind so übereinandergestapelt, dass die Fassaden einander benachbarter Baukörper jeweils gegensinnig geneigt sind. Mit diesem Kunstgriff erreichten die Architekten, dass das Hochhaus als Komposition zwar verwandter, aber doch eigenständiger Volumina lesbar wird und nicht etwa als überdimensionale gläserne Wand.

Die Stützen folgen der Gebäudekontur
Die abwechselnd breiter und schmaler werdende Gebäudegeometrie brachte für die Tragwerksplaner einige Herausforderungen mit sich. Um die Geschossfläche möglichst effizient nutzen zu können, sind die Eckstützen hinter den Fassaden pro Geschoss um rund 12 cm gegeneinander versetzt. Sie folgen so den geschossweisen Vor- und Rücksprüngen der Gebäudehülle. Obwohl die Vertikallasten bis zu 7.500 Tonnen pro Stütze betragen, stellte sich die leicht außermittige Anordnung übereinander liegender Stützen als unproblematisch heraus. Lediglich an den horizontalen Kanten, an denen sich die Neigung der Gebäudekubatur ändert, müssen die Geschossdecken größere horizontale Zug- und Druckkräfte aus den Stützen aufnehmen.

Horizontalaussteifung gegen Windlasten
Nicht unkompliziert war wegen der sehr schlanken Gesamtform des Gebäudes die Horizontalaussteifung gegen Windlasten. Bei Hochhäusern kleinerer bis mittlerer Höhe reicht hierzu üblicherweise ein Gebäudekern aus Stahlbeton aus, der Aufzüge und Fluchttreppen enthält. Diese Option gerät jedoch an ihre Grenzen, wenn das Gebäude höher wird als die etwa 12-fache Breite des Erschließungskerns. Beim Vista Tower beträgt das Verhältnis von Gesamthöhe zu Kernbreite etwa 40:1. Daher ersannen die Tragwerksplaner von Magnusson Klemencic Associates ein Alternativkonzept mit einer zentralen Stahlbetonwand, die wie ein Rückgrat fast die gesamte Gebäudelänge von West nach Ost durchläuft. Sie verbindet die Erschließungskerne des 95-geschossigen und des 47-geschossigen Turms miteinander. Um auch in Nord-Südrichtung für ausreichend Steifigkeit zu sorgen, wurden die Erschließungskerne durch Wandscheiben ergänzt, die bis an die Nord- und Südfassade reichen.

Wassertanks gegen Übelkeit
Eine weitere, nicht zu unterschätzende Herausforderung bestand darin, Gebäudeschwankungen in den obersten Geschossen auf ein für die Bewohner erträgliches Maß zu reduzieren. Hierzu dienen zum einen sechs flüssigkeitsgefüllte Schwingungsdämpfer, große Tanks mit einem Fassungsvermögen von insgesamt 1.500 Tonnen Wasser, deren Masse die Horizontalbeschleunigung des Gebäudes durch starke Stürme reduzieren soll. Zum anderen fügte das Planungsteam noch nach Baubeginn ein über sieben Meter hohes Leergeschoss auf der 84. Etage ein, das statt mit Glasscheiben nur mit einem Metallgitter verkleidet ist. Von der Straße aus ist diese Zäsur in der Gebäudehülle kaum zu erkennen, ihr Effekt ist jedoch erheblich: Durch die winddurchlässigere Gestaltung der Turmspitze reduzieren sich die Gebäudeschwankungen nach Berechnungen der Ingenieure um 24 Prozent.

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